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Die Kachel mit dem Ritter beim Gestech


Bei Ausgrabungen auf der Burg Bartenstein wurden in diesem und im letzten Jahr zahlreiche Funde gemacht. Darunter befanden sich auch mehrere hundert Fragmente von Ofenkacheln. Sie lassen sich bislang mindesten zehn verschiedenen Kachelöfen zuweisen, die zwischen 1300 bis zur Auflassung der Burg im 16. Jahrhundert für das Wohlbefinden ihrer Bewohner in der kalten Jahreszeit Rechnung trugen. Dabei fällt auf, dass man in Partenstein stets die modernsten und schönsten Öfen für die zu beheizenden Räume auswählte. So wundert es nicht, wenn bereits um 1330 ein mit Reliefs verzierter Ofen nachgewiesen werden kann. Er ist einer der vier ältesten Öfen dieses Typus in Deutschland. Die um 1400 in Partenstein errichteten Öfen stammen aus den für ihre hohe Qualität bekannten Werkstätten aus Dieburg.

Das Fragment einer grün glasierten Kachel mit nach links reitendem Ritter mit eingelegter Lanze wurde etwas um 1450 gefertigt. Sie steht stilistisch in enger Verbindung mit einer Serie von Medaillonkacheln, deren Hauptverbreitungsgebiet die Nordschweiz und der Oberrhein waren. Eine Datierung in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts verweist die Kachel in den Zusammenhang einer letzten größeren Umbauphase in der Burg Partenstein. Dem repräsentativen Bau entspräche auch ein entsprechend ausgestatteter Kachelofen, dessen Schmuck das adelige Selbstverständnis der Zeit widerspiegelt

Auf der Bartensteiner Kachel erkennt man einen Reiter in Rüstung mit spitz nach vorne zulaufendem Helm mit sehr schmalem Sehschlitz. Damit sollte vermieden werden, dass sich die Lanze bei einem Turnier in den Kopf bohrte. Andererseits wurde die Sicht erheblich behindert. So haben viele Helme, die sich aus jener Zeit erhalten haben, zusätzlich eine kleine Klappe. Diese konnte zur besseren Sicht geöffnet werden: "Man riskierte einen Blick". In seiner Linken hält der Ritter ein Tratsche, ein kleines hölzernes Schild, das weniger zum Schutz diente denn als Zielmarkierung. Beim Turnier ging es darum, mit der Lanze die gegnerische Tratsche zu treffen und dadurch den Kontrahenten vom Pferde zu werfen - ein höchst gefährliches Unterfangen also. Daß sich das Turnier im ausgehenden Mittelalter zum Sport der "oberen Zehntausend" entwickelte, hing mit dem dafür benötigte Equipment zusammen. ähnlich wie die Formel 1 heute machte die Mischung aus Prachtentfaltung, Highsociety und Nervenkitzel das Lanzenturnier, das Tjosten, populär - bis heute: neben der Burganlage verkörpert es unsere Vorstellung vom Mittelalter. Wegen ihrer Extravagazen und Gewalttätigkeiten wurden Turniere von Päpsten und Königen fortwährend verurteilt. Der Turniertod wurde von der Kirche offiziell als Selbstmord angesehen, was einer Todsünde gleichkam und grundsätzlich die grundlose Gefährdung von Familie und Gefolge bedeutete. Auch diese konnte jedoch auf Dauer keinen Einhalt gebieten oder die Anziehungskraft des Tjostens vermindern.

Die Ritterkachel erzählt uns, wie auch tausende andere, bislang von der Burg stammende Keramiken, Metall- und Knochenstücke, ja selbst Ziegelfragmente und Mörtelbrocken interessante Geschichten über den Alltag und den Lifestyle der Bewohner der Burg. Gleichzeitig helfen uns die freigelegten Mauern und Gruben, die Geschichte der Burg und der Kulturlandschaft Spessart besser zu begreifen. Noch steht die Erforschung der Burgen des Spessarts ganz am Anfang. Die Ausgrabungen auf der Ruine Bartenstein konnten jedoch schon jetzt einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Licht in dieses "dunkle" Kapitel unserer Geschichte zu bringen. Ausgrabungen sind jedoch weniger ein Ersatz für Bodybuilding denn ein Geduldsspiel. Wie bei einer kriminalistischen Tatortuntersuchung geht es dabei darum, vor Ort möglichst viele Spuren zu sichern und zu dokumentieren. Das "Zusammensetzen" der Fakten findet fern vom Ort des Geschehens statt.

Was auf den ersten Blick wie ein Sandkastenspiel für Erwachsene anmutet, gibt sich bei genauerem Hinsehen als komplexe Analyse zu erkennen, bei der ein Elektronenrastermikroskop genau so zum Einsatz kommt wie Hacke und Schaufel, bei der verstaubte Urkunden ebenso zu Rate gezogen werden wie die Hightech-Labors zur Untersuchung der Tierknochen und Pflanzenreste. Letztlich fügt sich das Ganze wie ein großes, lückenhaftes Mosaik zu einem Lebensbild unserer Vorfahren zusammen. Es werden mehr als Mauern und Scherben freigelegt. Zu Tage treten Freuden und Nöte unserer Ahnen; wir bekommen eine Vorstellung davon wie man, vor hunderten von Jahren den Alltag meisterte. Wir bringen in Erfahrung, wie man damals sein Lebensumfeld wahrnahm. Viel könnten wir dabei auch für uns lernen.
Man kann sich die Frage stellen, ob Grabungen dieser Art überhaupt notwendig sind, haben sich doch gerade in Unterfranken zahlreiche Zeugnisse - Bauwerke, Gemälde, Dokumente - aus dem Mittelalter erhalten. Was aber hat die Jahrhunderte überdauert, wird in Museen und Archiven bewahrt: Sicher nicht der Alltag des "kleinen Mannes". Wenn überhaupt, so blieben die Highlights erhalten, die Zeugnis ablegen von der Pracht der Kirchefürsten und Könige. Sie vermitteln ein verklärtes, klischeehaftes Bild, in dem wir uns selbst nur schwer wiederfinden. Nicht so bei den Grabungen auf der Burg Bartenstein. Hier stehen wir allen Burgbewohnern gegenüber. Hier können wir sowohl Einblick nehmen in den Alltag des Burgherren wie auch in den Tagesablauf der Bediensteten und Handwerker. Darin - so möchte ich abschließend behaupten - liegt die eigentliche Faszination dieses manchmal durchaus mühseligen Unterfangens.

Harald Rosmanitz



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